1023 | Einhegung, Exploits und abgeschaltete Browser

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Von KI-generierten Meinungen und geleakten Kernel-Schwachstellen über abgeschaltete Browser und verkaufte Cloud-Spiele bis zu Glücksspielwerbung und gekoppelten Telefonschmuggeln: Wir sortieren die Woche in Tech, Sicherheit und digitaler Macht — wer profitiert, wer zahlt, und was als Nächstes passiert.

Zeitleiste

  • 00:00:04 Einleitung
  • 00:00:25 KI, Wissen und die Enclosure des Informations-Commons
  • 00:05:09 Sicherheitsvorfälle: leaks, Scans und zu früh gepostete CVEs
  • 00:12:04 Infrastruktur unter Druck: Wald, DNS und E-Geld
  • 00:15:43 Plattformen kündigen: Arc, Xbox-Cloud, Glücksspiel und Recht
  • 00:21:32 Abschluss

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Transcript

Lena Vogel: Guten Abend und herzlich willkommen zur Hacker-News-Runde – ich bin Lena Vogel.

Felix Hartmann: Und ich Felix Hartmann. Wir haben heute einen Haufen Stoff, und einem verbindenden Faden: In allen heutigen Geschichten geht es um Kontrolle – wer entscheidet, wie Wissen produziert wird, wie Systeme laufen, wie man bezahlt, und was passiert, wenn Plattformen einfach sagen: Schluss jetzt.

Lena Vogel: Genau. Und beim ersten Thema geht es tatsächlich gleich um die große Frage: Was passiert mit Wissen, wenn KI es vereinnahmt? Da gibt es ein Paper, das einen ziemlich gewagten Vergleich aufmacht: Die Durchdringung der Wissenschaft durch KI verhält sich wie die historische Enclosure – also die Einhegung des Commons im England des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit.

Felix Hartmann: Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Der Commons war das gemeinschaftlich genutzte Land – Weiden, Wälder, Allmende. Und mit der Enclosure wurden diese Flächen eingezäunt, privatisiert. Der Zugang wurde von einem offenen Nutzen für viele zu einem kontrollierten Eigentum für wenige.

Lena Vogel: Und das Paper überträgt das nun auf die Wissenschaft. Die Argumentation ist im Kern: Wissenschaftliches Wissen war jahrhundertelang – jedenfalls idealerweise – ein Informations-Commons. Papers wurden publiziert, Bibliotheken haben gesammelt, das Wissen zirkulierte. Und die KI-Systeme, die auf genau diesem Fundament trainiert werden, erzeugen jetzt eine neue Schicht der Verwertung, bei der die ursprünglichen Contributoren – also Forschende, Institutionen – zunehmend die Kontrolle verlieren.

Felix Hartmann: In den Kommentaren unter dem Paper war das natürlich der Punkt, an dem sich die Lager getrennt haben. Ein Argument, das man häufiger gelesen hat, war: Die Analogie hinkt, weil Wissen kein rivalisierendes Gut ist. Wenn ich eine Weide beweide, kann sie niemand anders nutzen. Wenn ich ein Paper lese, bleibt es für alle anderen da. Die Enclosure nahm Menschen materiellen Zugang – KI nimmt ihnen nicht das Paper, sondern allenfalls die Sichtbarkeit und den Wertschöpfungsanteil.

Lena Vogel: Andererseits, und das haben andere Kommentatoren betont: Es geht nicht um das Paper selbst, sondern um die Infrastruktur drumherum. Wer die Indices besitzt, wer die Retrieval-Schichten kontrolliert, wer die Modelle betreiben darf, der bestimmt faktisch, welche Wissensteile überhaupt auffindbar und interpretierbar sind. Das ist eine Gatekeeper-Rolle, die es vorher so nicht gab, und die sich eben sehr gut als Einhegung beschreiben lässt – nicht des Wissens, sondern des Zugangs dazu.

Felix Hartmann: Und dann noch die Richtung, die das Paper selbst schon andeutet: Wenn wissenschaftliche Ergebnisse immer öfter über KI-generierte Zusammenfassungen konsumiert werden statt über die Originaltexte, dann verschiebt sich der Wert komplett von den Quellen zu den Aggregatoren. Die Frage, die im Paper steckt, ist quasi: Wer besitzt die letzte Meile des Wissens?

Lena Vogel: Es gibt auch die naheliegende Gegenfrage, die im Thread aufkam: Ist das überhaupt neu? Elsevier und Co. haben die Verlage jahrzehntelang exorbitante Lizenzgebühren für öffentlich finanzierte Forschung zahlen lassen. Das war schon Enclosure in Reinform. Die KI würde dann eher eine zweite Einhegung auf eine bereits eingezäunte Fläche darstellen.

Felix Hartmann: Ja, das war eine der interessanteren Nuancen – dass die Begeisterung für die frische Kritik vielleicht ein bisschen naiv ist, weil die Wissenschaft ohnehin nie ein wirklich funktionierender Commons war.

Lena Vogel: Und neben diesem Paper noch eine zweite Entwicklung, die thematisch passt: Da wurde 12 KI-Modellen eine kontroverse Meinung vorgelegt, und 29 von 35 Antworten gaben exakt dieselbe zurück: dass Menschen Wahrheit für Gruppenzugehörigkeit opfern würden.

Felix Hartmann: Also: Man fragt zwölf verschiedene Modelle eine Frage, die bewusst kontrovers formuliert ist – und bekommt fast identische Antworten zurück. 29 von 35, das ist eine ziemliche Übereinstimmung.

Lena Vogel: Die Interpretation, die in den Reaktionen durchging, ist quasi die andere Seite derselben Medaille wie beim Paper: Wenn fast alle Modelle auf eine kontroverse Frage mit derselben vorgefertigten Meinung antworten, dann zeigt das ein einheitliches Bias-Muster. Die Modelle sind nicht unabhängige Perspektiven, sondern konvergieren auf dietrainierten Normen. Man fragt zwölf Stimmen und bekommt im Grunde eine.

Felix Hartmann: Es gibt aber auch die kritische Frage, die man stellen muss: Wie repräsentativ ist so ein Experiment überhaupt? 35 Antworten von 12 Modellen, eine Frage, ein Format. Man weiß nicht, ob die Frage wirklich kontrovers war oder ob die Modelle einfach das reproduziert haben, was sie als Mainstream-Narrativ erkennen. Das könnte man als konforme Antwort lesen und nicht als eigene Meinung.

Lena Vogel: Genau – und das ist auch die Unklarheit, die wir festhalten wollen: Man weiß nicht, wie man solche Befragungen methodisch sauber aufsetzen müsste, um wirklich etwas über Modell-Bias zu lernen, und nicht bloß über die Trainingsverteilung.

Felix Hartmann: Und es verbindet sich mit dem Paper auf eine fast schon unheimliche Art: Das Paper sagt, die Kontrolle über das wissenschaftliche Commons verschiebt sich – und hier sieht man die andere Seite, dass die Modelle, die dieses Wissen vermitteln, möglicherweise nicht so pluralistisch sind, wie man hoffen würde. Zwei Momente desselben Problems.

Lena Vogel: Okay, das war der konzeptuelle Teil. Jetzt zum Handfesten – Sicherheit. Und da gab es in den letzten 24 Stunden einen ganzen Haufen Meldungen, die eher unbequem sind.

Felix Hartmann: Fangen wir am einfachsten an: Es gibt eine Seite namens pwn.watch, die laufende Sicherheitsvorfälle live auflistet. Derzeit sind es 35 laufende Vorfälle, davon 15 als kritisch markiert. Mit CVE-Nummern und Patch-Status.

Lena Vogel: Also eine Art Dashboard für aktive Schwachstellen – nicht die Meldung "hier wurde etwas gefunden", sondern "das ist noch offen, und so sieht es gerade aus".

Felix Hartmann: Genau. Und dieses Bild – dass Dinge, die offiziell noch geheim sein sollten, in Wahrheit schon im Umlauf sind – zog sich durch mehrere Geschichten gestern.

Lena Vogel: Ein Beispiel: AWS hat über ein Projekt namens MadPot beobachtet, dass seit dem 17. Oktober Exploit-Versuche gegen eine Schwachstelle namens PHP2Shell im Umlauf sind. Und die offizielle Disclosure war erst vier Tage später.

Felix Hartmann: Vier Tage Vorlauf – in denen aktive Versuche registriert wurden, die Schwachstelle auszunutzen, bevor sie offiziell überhaupt öffentlich bekannt gegeben wurde.

Lena Vogel: Das ist genau die Lücke, die Koordinierte Disclosure eigentlich verhindern soll. Die Idee ist ja: Es gibt eine Zeitspanne, in der wenige Eingeweihte den Fix vorbereiten, bevor es öffentlich wird. Wenn die Exploits aber schon vor der offiziellen Meldung auftauchen, dann läuft entweder etwas im Koordinationsprozess schief, oder die Information leakt vorher durch irgendeinen Kanal.

Felix Hartmann: Und dann noch der Fall, der eigentlich am direktesten in die Kategorie "zu früh veröffentlicht" gehört: ZDI – also die Zero Day Initiative – hat versehentlich mehrere Linux-Kernel-Schwachstellen auf der öffentlichen LKML gepostet. Bis CVSS 9.0. Also sehr ernsthafte Lücken, und ausgerechnet auf der öffentlichsten Mailingliste, die es im Linux-Kosmos gibt.

Lena Vogel: Das ist fast das Gegenteil von dem PHP2Shell-Fall: Da war es covert, hier ist es ein Notfall. Und die Frage, die im Thread diskutiert wurde, ist: Was macht man dann? Es gibt kein Unposten. Sobald es auf LKML steht, ist es da. Und man kann überlegen, ob Kernel-Entwickler unter Zeitdruck jetzt mit den Details arbeiten müssen, statt in Ruhe einen Fix vorzubereiten.

Felix Hartmann: Und dazu dann noch der Fall, der das Bild komplettiert: Jemand namens petecooper hat öffentlich CVEs für PHP-RCE-Schwachstellen veröffentlicht – CVE-2026-109618 und 619 – und sich danach entschuldigt, weil er nicht wusste, dass auf diesen CVEs noch ein Embargo lag. Er hat sie also vorzeitig rausgerückt, ohne böse Absicht, sondern aus Unkenntnis über die Koordinationsregeln.

Lena Vogel: Und das zeigt eigentlich ganz schön, wie zerbrechlich das ganze System ist: Es gibt formale Prozesse, Embargos, Koordination – aber wenn ein Einzelner die Regeln nicht kennt, dann platzt das Ganze. Vier Tage Vorlauf, ein versehentlicher Post auf LKML, ein ohne Wissen um das Embargo veröffentlichtes CVE. Drei verschiedene Mechanismen, die alle ins gleiche Problem laufen: Koordinierte Disclosure funktioniert nur, solange alle Beteiligten mitmachen und mitwissen.

Felix Hartmann: Und die unbeantwortete Frage, die bei all diesen Fällen im Raum steht: Wie viele Systeme sind in der Zwischenzeit bereits kompromittiert worden? Bei PHP2Shell weiß man ja, dass seit Mitte Oktober Scans laufen. Aber ob das nur Scans waren oder erfolgreiche Intrusions, das ist offen.

Lena Vogel: Dann noch zwei Geschichten, die weniger Disclosure-Probleme sind, sondern eher "Jemand hat Dinge geschafft, die eigentlich nicht gehen sollten".

Felix Hartmann: Einer davon ist ziemlich beeindruckend: Da hat jemand einen unveränderten iOS-16.5-XNU-Kernel samt Userland auf Android-Hardware zum Laufen gebracht – konkret auf einem Poco X5 Pro, und zusätzlich noch in QEMU.

Lena Vogel: Also der Kernel, der normalerweise auf iPhone-Hardware läuft, bootet auf einem Android-Telefon. Unverändert. Das ist eine ziemlich tiefe Portierungsarbeit, weil man ja die unterste Schicht – also den Code, der mit der Hardware spricht – normalerweise anpassen muss, wenn man auf eine andere Plattform geht.

Felix Hartmann: Und der zweite Fall aus derselben Ecke: ns2jb. Der erste software-only Jailbreak für die Switch 2, Firmware 23.0.1. Der Trick ist ein Integer-Overflow in SmileBASIC – also in einer Programmiersprache, die Nintendo selbst auf der Konsole anbietet. Und der Entwickler sagt, er hat dafür zwei Wochen Arbeit investiert und dabei Codex benutzt.

Lena Vogel: Und das ist der Punkt, der in der Diskussion eigentlich am meisten_interesting war: Nicht der Jailbreak selbst, sondern die Frage, was es bedeutet, dass ein einzelner Entwickler mit KI-Unterstützung in zwei Wochen etwas findet, das früher monatelange Reverse-Engineering-Arbeit eines ganzen Teams war.

Felix Hartmann: Ja, das ist fast eine Miniatur des Themas vom Anfang: KI verändert, was ein einzelner Mensch überhaupt leisten kann – positiv wie negativ, je nach Seite, auf der man steht.

Lena Vogel: Noch eine security-lastige Geschichte, die eher strategisch ist: NVIDIA hat etwas namens OpenShell veröffentlicht. Das ist eine sichere Runtime für autonome KI-Agenten – also eine Umgebung, in der Agenten operieren können, ohne dass man Angst haben muss, dass sie ausbrechen. Das Projekt hat ziemlich schnell über 17.000 Stars bekommen.

Felix Hartmann: Und die Diskussion, die sich daran entzündet hat: Es gibt im Code Telemetrie, und die Frage war, ob die sich abschalten lässt oder nicht. Also im Kern: Verwndet man ein Open-Source-Sicherheitstool von NVIDIA, gibt es dann comunque Funkverbindungen zurück zum Hersteller?

Lena Vogel: Das ist eine Frage, die man bei Sicherheitsinfrastruktur besonders kritisch sehen muss – weil das Tool ja gerade dazu da sein soll, den Einflussraum von Agenten zu kontrollieren. Wenn es selbst Kanäle nach außen hat, die man nicht kontrolliert, dann ist das eine etwas paradoxe Konstruktion.

Felix Hartmann: Okay, das war der Security-Block. Dann noch zu einer Meldung, die eigentlich nur auf den ersten Blick nicht dazupasst: eMudhra zieht sich freiwillig aus dem globalen SSL/TLS-Zertifikatsgeschäft zurück.

Lena Vogel: Also eine Zertifizierungsstelle, die sagt: Wir sind raus. Und als Begründung verweist man auf einen Fragenkatalog von Chrome – also auf eine Situation, in der man offensichtlich nicht die Antworten liefern konnte, die der größte Browser-Anbieter von der eigenen CA erwartet.

Felix Hartmann: Das passt insofern in den Block, weil es das Gegenstück zu den Leaks ist: ZDI hat versehentlich zu viel rausgegeben, eMudhra zieht sich bewusst und kontrolliert zurück. Beide Male geht es um die Frage, wie man mit Vertrauensinfrastruktur umgeht – und um die Erkenntnis, dass Vertrauen in diesem Geschäft fragil ist.

Lena Vogel: Guter Übergang, Felix, denn eigentlich geht es jetzt um Infrastruktur ganz allgemein. Und da gab es eine Geschichte, die beim Lesen fast ein bisschen weh getan hat: Google hat in Finnland 300 Hektar Wald gerodet – für ein KI-Rechenzentrum im Wert von 13 Milliarden Euro. Und zwar vor dem Abschluss des Umweltgutachtens.

Felix Hartmann: Also: Erst Bäume fällen, dann schauen, ob das gut war.

Lena Vogel: Genau. Die Reihenfolge ist der eigentliche Aufreger. Ein Umweltgutachten ist ja dazu da, eine Entscheidung zu prüfen, bevor sie getroffen wird. Wenn man vorher anfängt zu roden, dann ist das Gutachten im Nachhinein eher eine Formalie.

Felix Hartmann: In der Diskussion gab es beide Lager. Die eine Seite: 13 Milliarden Euro für KI-Infrastruktur – das ist Realpolitik, die Nachfrage nach Compute ist da, und ein Land wie Finnland wird froh über die Investition sein. Die andere Seite: Wenn wir schon akzeptieren, dass solche Projekte entstehen, dann wenigstens mit sauberem Prozess. Der Umweg über die Umweltprüfung ist nicht Bürokratie, sondern der einzige Hebel, den die Öffentlichkeit hat.

Lena Vogel: Und die unbequeme Frage im Raum ist: Wenn ein 13-Milliarden-Projekt die Prüfung nicht abwarten kann, dann sagt das etwas über die Verhandlungsmacht der Tech-Konzerne gegenüber den nationalen Behörden aus.

Felix Hartmann: Apropos Hebel, die öffentliche Institutionen haben: Eine ganz andere, aber thematisch verwandte Geschichte aus Frankreich. Quad9 – das ist ein DNS-Resolver, der sich unter anderem dem Schutz vor Malware verschrieben hat – zieht sich zum 24. November komplett aus Frankreich zurück.

Lena Vogel: Auslöser ist eine gerichtlich angeordnete DNS-Sperre, die beIN – also der Sport-Sender – gegen Quad9 durchgesetzt hat. beIN will verhindern, dass Nutzer über illegale Streams ihre Inhalte gucken, und hat dafür eine gerichtliche Anordnung erwirkt, die den Resolver zwingt, bestimmte Domains zu blocken. Quad9 sagt: Nein, machen wir nicht, das widerspricht unserem Auftrag. Und wenn wir das nicht machen können, dann hören wir in Frankreich auf.

Felix Hartmann: Das ist ein ziemlich radikaler Schritt – man verliert einfach einen ganzen Markt, statt nachzugeben. In den Kommentaren war die Tendenz eher: Respekt für die Konsequenz. Es gibt aber auch die berechtigte Frage: Was bringt das den Nutzern? Wenn Quad9 in Frankreich nicht mehr läuft, gehen die Nutzer auf einen anderen Resolver, der die Sperre umsetzt. Man rettet sein Prinzip, aber die Nutzer verlieren den Schutz.

Lena Vogel: Genau, das ist der Trade-off, den man schwer bewerten kann, ohne zu wissen, wie viele französische Quad9-Nutzer es gibt und was die alternativ nutzen.

Felix Hartmann: Und dann noch etwas aus Deutschland, das in dieselbe Kategorie fällt – reale Hebel der digitalen Macht: Die Taler Operations AG aus Bochum hat bei der BaFin eine E-Geld-Lizenz beantragt, um GNU Taler als Zahlungssystem in Deutschland und der Eurozone zu betreiben.

Lena Vogel: Für alle, die Taler nicht kennen: Das ist ein Zahlungssystem aus dem GNU-Umfeld, das auf Datenschutz setzt, aber anders als etwa Kryptowährungen nicht anonym arbeitet, sondern pseudonym – man kann nachvollziehen, dass eine Transaktion stattgefunden hat, aber nicht, wer an ihr beteiligt war. Also quasi das Gegenteil von "der Händler sieht alles".

Felix Hartmann: Und der Schritt zur BaFin-Lizenz ist der eigentlich bedeutende Teil. Ein technisch interessantes Zahlungssystem ist das eine – aber ohne regulatorische Zulassung bleibt es ein Forschungsprojekt. Mit E-Geld-Lizenz wird es zu etwas, das tatsächlich in der Eurozone betrieben werden darf.

Lena Vogel: Die offene Frage ist natürlich: Wird das bewilligt, und wenn ja, funktioniert dann ein datenschutzfreundliches, pseudonymes Zahlungssystem tatsächlich im Markt, wo alles auf Trackability setzt?

Felix Hartmann: Und wenn wir schon bei Plattformen sind, die auf eine Zäsur zusteuern: Der Arc-Browser wird am 22. Dezember 2026 abgeschaltet. Nutzer sollen auf den Nachfolger Dia wechseln.

Lena Vogel: Arc war ja für viele ein Lieblingsbrowser – gerade wegen der radikalen UI-Ideen. Und dass er jetzt komplett abgeschaltet wird statt eingefroren oder weitergeführt, ist ein ziemlich harter Schnitt. Der Team selbst sagt: Alle Kraft auf Dia. Aber für die Nutzer heißt es: Dein tägliches Werkzeug wird Ende nächsten Jahres eingestellt, wechsle bitte.

Felix Hartmann: In der Diskussion war das Gefühl eher gemischt. Es gab Verständnis für das Argument, dass man zwei Browser nicht sinnvoll parallel entwickeln kann. Und Skepsis, ob Dia tatsächlich die Bedürfnisse der Arc-Nutzer trifft, oder ob es ein anderes Produkt ist, das einen anderen Nutzeranspruch hat.

Lena Vogel: Und das verbindet sich mit dem, was wir eben bei Quad9 gesehen haben: Wenn die Plattform entscheidet, dann endet etwas, auch wenn die Nutzer das nicht möchten. Bei Quad9 ist es eine gerichtliche Anordnung, bei Arc eine strategische Entscheidung des Herstellers. Der Effekt ist derselbe: Kontrolle liegt nicht beim Nutzer.

Felix Hartmann: Ähnliches Muster bei Microsoft: Da hat man gerade eingeführt, dass man für das Cloud-Streaming von Xbox-Spielen, die man bereits gekauft hat, eine Gebühr zahlt – 24 bis 40 Cent pro Stunde.

Lena Vogel: Das ist der klassische Punkt, der in den Reaktionen am meisten Irritation ausgelöst hat: Man hat das Spiel bereits gekauft. Man hat die Lizenz. Und um es in einer anderen Form – der Cloud – zu nutzen, zahlt man nochmal pro Stunde. Das ist quasi Miete für etwas, von dem man glaubt, dass man es besitzt.

Felix Hartmann: Und da ist die Frage, die im Raum steht: Ist Cloud-Streaming ein Mehrwertservice, den man separat bepreisen darf, oder ist das der Beginn einer Welt, in der Besitz digital de facto nur noch gegen laufende Gebühren existiert?

Lena Vogel: Es gibt eine direkte Parallele zum Kushner-Fall, der in dieselbe Kategorie fällt – Kontrolle über Dinge, die man für privat gehalten hätte. Da wurden die Telefone der Kushners von GRU-Hackern aus den Niederlanden geknackt. Dabei kamen geheime Verhandlungen zum Vorschein und Transfers von über 700 Millionen Dollar.

Felix Hartmann: Das ist eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen brisant ist: Erstens die reine Sicherheitsebene – Telefone von Personen in diesem Umfeld wurden kompromittiert. Zweitens die politische – geheime Verhandlungen sind jetzt öffentlich. Und drittens die finanzielle – die Größenordnung der Transfers.

Lena Vogel: Und die offene Frage, die man noch nicht beantworten kann: Wie es rechtlich weitergeht mit diesen Informationen – ob es strafrechtliche Konsequenzen gibt, ob es diplomatische Reaktionen gibt, ob die Quelle selbst benannt werden kann.

Felix Hartmann: Dann noch eine Geschichte, die eher in die Kategorie "wie Regelwerke Menschen treffen" gehört: Kanada berät einen Gesetzentwurf namens Bill S-211, der Glücksspielwerbung einschränken soll. Hintergrund: In sieben NHL-Spielen wurden insgesamt 3000 Glücksspiel-Botschaften gezählt.

Lena Vogel: Also im Schnitt mehrere hundert pro Spiel. Das ist eine Dichte, die man nicht mehr als gelegentliche Werbung bezeichnen kann.

Felix Hartmann: Und das Argument, das den Gesetzentwurf trägt, ist quasi: Wenn die Werbedichte so hoch ist, dass sie Teil der Übertragungserfahrung wird, dann ist das keine neutrale Information mehr, sondern ein ständiger Kaufantrieb. Vor allem in einem Kontext, wo Glücksspiel per Definition zu Verlusten führt.

Lena Vogel: Die Gegenposition ist die übliche: Werbung ist Wirtschaft, Verbote greifen in Geschäftsmodelle ein, und es gibt ja auch Altersschutz. Aber die Zahl 3000 in sieben Spielen ist ein Argument, das man nicht einfach wegargumentieren kann.

Felix Hartmann: Und dann noch der letzte Fall in diesem Themenblock, der ziemlich persönlich ist: Amanda Smith saß drei Nächte in Haft und riskiert bis zu sechs Jahre – wegen eines betrügerischen Cash-App-Kontos, das auf ihren Namen und ihre Sozialversicherungsnummer registriert wurde.

Lena Vogel: Das ist der Punkt, der in der Diskussion am meisten erschüttert hat: Jemand benutzt ihre Identität für Betrug – und sie ist diejenige, die verhaftet wird. Das System identifiziert die Kontoinhaberin, und das ist sie, weil man mit gestohlenen Daten einfach ein Konto eröffnen kann.

Felix Hartmann: Und die unbeantwortete Frage ist: Wie kommt man aus so einer Situation wieder heraus? Sie muss beweisen, dass sie es nicht war – und die Beweislast liegt faktisch bei ihr.

Lena Vogel: Noch eine Geschichte aus dem Umfeld, die thematisch zum Betrugs- und Identitätsmuster passt, aber auf eine positivere Art: Da wurde ein Projekt namens "The Last Museum" veröffentlicht. Das ist eine semantische Suche über 6,3 Millionen Kunstwerke großer Museen – man beschreibt, was man sucht, in natürlicher Sprache, und findet Bilder dazu.

Felix Hartmann: Das ist ein schönes Beispiel dafür, was semantische Suche kann: Nicht "gib mir alle Werke mit dem Stichwort X", sondern "ich suche etwas, das so und so aussieht oder sich so anfühlt".

Lena Vogel: Die Kritik, die aber sofort kam, betraf zwei Punkte: Erstens die Benennung – also die Art, wie Kunstwerke und Personen in den Daten benannt werden, was oft historisch problematisch ist. Und zweitens das Userinterface, das offenbar nicht so klar ist, wie man es von einem so ambitionierten Projekt erwarten würde.

Felix Hartmann: Und damit sind wir auch schon bei der letzten Geschichte, die wir besprechen wollten, und die ein bisschen zurück zu unserem Anfangsthema führt: Es gibt eine offizielle Go-CLI für die OpenAI-API namens openai-cli, Apache-2.0-Lizenz. Und in der HN-Diskussion wurde betont: Im Gegensatz zu Codex ist das nur ein API-Wrapper.

Lena Vogel: Das heißt: Codex ist ein Agent, der selbstständig Aufgaben erledigt. Die neue CLI ist ein Werkzeug, mit dem man Anfragen an die API stellt. Der Unterschied ist nicht trivial, weil "offiziell" schnell den Eindruck erweckt, es wäre das äquivalente Gegenstück – und das ist es nicht.

Felix Hartmann: Und damit sind wir am Ende eines ziemlich vollen Tages. Danke fürs Zuhören, Lena.

Lena Vogel: Danke dir, Felix. Bis morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.